17.12.2007

Cybermobbing, Slapping und Co. - Neue Formen der Gewalt

Das Handy rückt zunehmend in den Blick der Medienpädagogik. Denn heute sind fast alle Jugendlichen mit einem Handy ausgestattet - und haben damit auch Kamera, MP3-Player, Spielekonsole, Internetzugang, Videoplayer, Organizer usw. in der Tasche. Allerdings macht das Thema „Handy und Jugendliche“ derzeit viele negative Schlagzeilen: Gewaltvideos und Pornos werden aus dem Internet aufs Handy geladen und herumgezeigt, körperliche Übergriffe und Schlägereien werden gefilmt (Happy Slapping) oder es findet Mobbing über neue elektronische Wege statt, zum Beispiel indem beleidigende Bilder von Mitschüler/innen und Lehrer/innen im Netz veröffentlicht werden (Cyberbullying). Zwei Studien liefern neue Erkenntnisse zu diesen Phänomenen. Praktische Infos für die medienpädagogische Arbeit gibt es zudem beim handysektor.

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JIM-Studie 2007
Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (mpfs) - gemeinsam mit der LfM Auftraggeber des Projekts handysektor.de - untersucht seit nunmehr zehn Jahren in der JIM-Studie das Medienverhalten von 12- bis 19-Jährigen. In der aktuellen Studie JIM 2007, die Ende November veröffentlicht wurde, geht es auch um die Verbreitung von gewalthaltigen oder pornografischen Videos über das Handy. Demnach ist es 87 Prozent der jugendlichen Handybesitzer/innen bekannt, dass solche Videos generell im Umlauf sind. Rund ein Drittel der Nutzer/innen gibt an, dass Gewaltvideos oder Pornos im direkten Freundes- oder Bekanntenkreis die Runde machen. 9 Prozent haben selbst schon einmal entsprechende Filme oder Bilder aufs Handy bekommen. Auch das als Happy Slapping bekannte Aufnehmen und Verbreiten von Prügeleien mit dem Handy nimmt weiter zu. 29 Prozent der Handybesitzer zwischen 12 und 19 Jahren haben schon mal mitbekommen, dass eine Schlägerei mit dem Handy gefilmt wurde. Bei der JIM-Studie 2006 lag die Zahl noch bei 14 Prozent.


Slapping, Bullying, Snuffing!Publikation MA HSH
Unter dem Titel „Slapping, Bullying, Snuffing! Zur Problematik von gewalthaltigen und pornografischen Videoclips auf Mobiltelefonen von Jugendlichen“ hat die Medienanstalt Hamburg Schleswig-Holstein (MA HSH) Ende September 2007 erstmals eine deutsche Studie speziell zu diesem Themenfeld veröffentlicht. Unter Federführung von Prof. Dr. Petra Grimm (Hochschule der Medien, Stuttgart) wurden sowohl quantitative Erhebungen gemacht wie auch qualitative Interviews. Darin geht es zum Beispiel auch um die Motivation von Jugendlichen, sich gewalthaltige Videos anzuschauen und weiterzugeben („zum angeben“) oder die Gefühle, die Videos in ihnen auslösen („krieg schon Panik, manchmal“). Die Aktivitäten der Jugendlichen passieren weitgehend ohne Wissen der Eltern. So gaben 82,8 Prozent der befragten Jugendlichen an, dass ihre Eltern nicht nach den Inhalten fragen, die sie auf ihren Handys gespeichert haben.


Sicheres Gefühl bekommen
Mit dem Aufkommen von Cyberbullying, Happy Slapping und Gewaltvideos geht es beim Handy immer mehr darum, den respektvollen Umgang zwischen Menschen zum Thema zu machen. Für das Informationsangebot handysektor.de bedeutet dies, dass zunehmend auch ethische Fragen besprochen werden. Dazu Martin Pinkerneil, Projektleiter vom handysektor: „Kinder und Jugendliche sollten mobile Geräte nicht nur technisch bedienen können, sondern brauchen ein sicheres Gefühl dafür, auch die jeweiligen Auswirkungen ihres Tuns zu beurteilen. Man kann nicht Jugendliche oder gar Kinder mit diesen Dingen ausstatten und dann keine Regeln an die Hand geben und die vielfältigen Anwendungen nicht thematisieren.“ Dazu passt auch, dass der handysektor im Januar 2008 einen neuen Flyer veröffentlicht hat, in dem es um "Respekt und Würde" geht. Nach den handlichen „Tipps to go“, die seit 2006 schon über 100 000-mal herausgegeben wurden, soll der neue kleine Flyer dafür sorgen, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und sie aufzuklären.


Das Handy zum Thema machen
Die neuen Formen der Gewalt führen verstärkt zu Grenzüberschreitungen. So werden beim Tausch von jugendgefährdenden Inhalten oder beim Filmen von Prügeleien Straftaten begangen und Persönlichkeitsrechte missachtet. Gerade wegen dieser Entwicklungen sind Handys an vielen Schulen inzwischen verboten. Für Martin Pinkerneil ist es jedoch wichtig, dass Schüler/innen den Umgang mit den Möglichkeiten des Handys lernen. Seine Empfehlung an die Schulen lautet daher: „Thematisieren! Das Handy nicht aus der Schule verdrängen, sondern in der Schule auf den Lehrplan nehmen und im Unterricht behandeln. Denn die Ausstattung mit Medien und Telekommunikationsinstrumenten ist für Jugendliche ein Machtfaktor. Das ist für manche Jugendliche wie ein kleiner Knüppel, den sie in die Hand bekommen und wo sie lernen müssen, damit umzugehen.“ Verschiedene Wege, um das Thema „Handy und Gewalt“ in der Schule anzugehen, werden auf www.handysektor.de vorgestellt. Da findet sich zum Beispiel ein Link auf den Film „Let´s fight it together“, der im Unterricht mit Schüler/innen geschaut werden kann, um einen Zugang zum Thema zu finden. Auch der neue Comic-Flyer "... und redest selber von Respekt und Würde" ist dafür gedacht, um Jugendliche direkt und gezielt zu diesen Themen anzusprechen. Auch Pädagog(inn)en im schulischen und außerschulischen Kontext bietet der Flyer die Möglichkeit, Probleme der Handynutzung aufzugreifen und mit Jugendlichen zu thematisieren. Der Flyer kann beim handysektor heruntergeladen oder kostenlos bestellt werden.


Mehr Infos:

JIM-Studie 2007
Beim Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest (mpfs) kann die Studie auch als PDF heruntergeladen werden.

Slapping, Bullying, Snuffing!
Die Publikation der Medienanstalt Hamburg Schleswig-Holstein (MA HSH) kann im Verlag Vistas für 17 Euro bestellt werden.

www.handysektor.de
Auf dem Internetangebot von LfM und mpfs finden sich viele atuelle Beiträge zum Thema.

Comic-Flyer "... und redest selber von Respekt und Würde"
Download- und Bestellmöglichkeit beim handysektor

"Rechtsfragen in der digitalen Welt auf einen Blick"
Über diese PDF-Handreichung vom mekonet haben wir in einer der vorangegangenen News berichtet.