Interkulturelle Medienarbeit

Medien bauen Brücken zwischen den Kulturen

Hände bauen gemeinsam einen Holzturm
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In Nordrhein-Westfalen leben 4,3 Millionen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Die verschiedenen Geschichten, die sich hinter den Zuwanderungen verstecken, fallen höchst unterschiedlich aus und lassen sich nicht einheitlich erzählen. Es greift daher viel zu kurz, von „den Migrant/innen“ zu sprechen – erst eine differenzierte Betrachtung öffnet den Blick und wird den verschiedenen Nationalitäten und Interessenlagen gerecht. Das gilt besonders für die Frage danach, welche Faktoren für die Mediennutzung und die Ausgestaltung der individuellen Medienkompetenz eine Rolle spielen. 

Studien zum Thema Medienkompetenz und Herkunft

Mehrere Studien der letzten Jahre zeigen auf, dass die jeweilige Herkunftsgeschichte nicht an erster Stelle bzw. nicht unmittelbar Rückschlüsse auf die kompetente Mediennutzung erlaubt. Besonders deutlich wird dies, wenn man sich das Medienverhalten von Jugendlichen anschaut. So wurden 2010 im Rahmen einer repräsentativen Studie, die im Auftrag der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) durchgeführt wurde, jeweils rund 300 russische Aussiedler und 300 Personen türkischer Herkunft im Alter zwischen zwölf und 29 Jahren zu ihrer Mediennutzung und Medienkompetenz befragt. Die Ergebnisse zeigen zwar, dass junge russische Aussiedler und Jugendliche türkischer Herkunft den PC und das Internet im Durchschnitt etwas seltener nutzen als Jugendliche, die keinen Migrationshintergrund haben und besonders die Nutzung der digitalen Medien für Schule, Ausbildung und Beruf bei jugendlichen Migrant/innen schwächer ausgeprägt ist als bei Gleichaltrigen ohne Zuwanderungsgeschichte. In der Bilanz wird aber deutlich, dass es vollkommen falsch wäre, von einer „digitalen Kluft“ zwischen der Mediennutzung von Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte zu sprechen.

Unterschiede sind weniger durch die Herkunft sondern viel mehr durch soziale Faktoren erklärbar, die die Lebenswelt und auch das Mediennutzungsverhalten von jungen Migrant/innen bestimmen. An erster Stelle sind dabei der sozioökonomische Status und insbesondere die formale Bildung (besuchter Schultyp/ Schulabschluss) zu nennen. Erklärend wirkt überdies der nach Geschlechtern differenzierte Blick: Anders als die formale Bildung ist die Bedeutung des Geschlechts für die Mediennutzung eng mit dem jeweiligen Migrationsmilieu verknüpft. Während die türkischstämmigen Mädchen einen deutlich geringeren Zugang zu PC und Internet haben als ihre männlichen Altersgenossen, gibt es bei den jungen russischen Aussiedlern in dieser Hinsicht keine Unterschiede.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch die im Auftrag von ARD und ZDF durchgeführte Repräsentativerhebung „Migranten und Medien 2011“, an der ca. 3.300 erwachsene Menschen mit Zuwanderungsgeschichte teilnahmen.  

Beide Studien verweisen darauf, wie wichtig die weitere Förderung von Medienkompetenz für – vor allem erwachsene – Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ist. Nur so kann verhindert werden, dass z. B. Ängste, die Eltern in diesen Familien in Bezug auf Computer oder Internet haben, auch auf die Kinder übertragen werden. Auch die Nutzung der digitalen Medien für Schule, Ausbildung und Beruf bei jugendlichen Migrant/innen bedarf weiterer Unterstützung durch professionelle Pädagog/innen.

Medienpädagogische Materialien

Dafür wurden in den letzten Jahren vermehrt medienpädagogische Materialien und Projekte entwickelt, die sich der Besonderheiten unterschiedlicher Kulturen bewusst sind und gleichzeitig die vielen Aspekte berücksichtigen, die sie einen. 

Ein gutes Beispiel dafür ist das Programm Rucksack KiTa der Kommunalen Integrationszentren NRW. Es widmet sich der Sprachförderung und Elternbildung im Elementarbereich und berücksichtigt mit dem „Baustein Medienerziehung“ auch die frühkindliche Medienbildung – z. B. mit der Frage danach, wie Medien sprachfördernd wirken können. Das Programm richtet sich an Eltern mit Zuwanderungsgeschichte und ihre Kinder zwischen 4 und 6 Jahren, die eine Tageseinrichtung besuchen sowie an die Kindertageseinrichtungen, die von diesen Kindern besucht werden. 

In Zusammenarbeit mit der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) entstand die Handreichung "Alltagsintegrierte Medien- und Sprachbildung in Kindertageseinrichtungen", mit der Erzieher/innen die im aktuellen Kinderbildungsgesetz (KiBiz) festgeschriebene "alltagsintegrierte Sprachbildung" gezielt umsetzen können.

Im Bestellsystem der LfM und bei klicksafe finden sich weitere mehrsprachige Materialien.

Interkulturelle Medienprojekte

Schließlich kann die Arbeit mit Medien Verständnis-Brücken zwischen verschiedenen Kulturen bauen, den Austausch und die Vernetzung untereinander fördern. Beim Bürgerhaus Bennohaus in Münster sind z. B. viele internationale Medienprojekte angesiedelt, die zu Begegnungen und gemeinsamen Medienprojekten vor allem auf europäischer Ebene führen.

Im Rahmen des Projekts "come_IN" ist innerhalb der letzten acht Jahre ein wachsendes Netzwerk interkultureller Computerclubs an Schulen und Jugendzentren in Nordrhein-Westfalen entstanden. In mittlerweile sechs Computerclubs in sozial und kulturell diversen Stadtvierteln in Bonn, Dortmund, Kreuztal und Siegen fördert die Gelegenheit zum gemeinsamen Lernen, Spielen und Arbeiten am und mit dem Computer Kinder und Erwachsene in ihrem kreativen, sinnvollen Umgang mit modernen Medien. Ein Forschungsprojekt der Universität Siegen begleitet die Einrichtungen.

Logo des jfc Medienzentrums

Das jfc Medienzentrum bildet einen der deutschen Knotenpunkte in dem international und interkulturell arbeitenden Netzwerk ROOTS & ROUTES, einem internationalen Projekt zur Förderung kultureller und sozialer Vielfalt in zeitgenössischen darstellenden Künsten und Medien. Seit 2001 werden Workshops, Masterclasses, Auftritte und Events, Austausch- und Mobilitätsprogramme für junge Tänzer/innen, Musiker/innen und Medientalente in mehr als zehn europäischen Ländern organisiert. Das jfc Medienzentrum hat das Projekt noch um einen Peer-to-Peer Ansatz erweitert: Im Rahmen der „ROOTS & ROUTES Peer Coaches“ wurden in den letzten Jahren über 50 Jugendliche ausgebildet, die in zahlreichen Workshops und Kursen Gleichaltrige und Jüngere mit Angeboten der kulturellen und medialen Bildung erreichen.