Peer-to-Peer-Projekte

Von Peer zu Peer

Vier Jugendliche mit Laptops im Gras
© LfM

Der Begriff der Peergroup ist schon lange in pädagogischen, psychologischen und soziologischen Kontexten gebräuchlich. Er umschreibt eine Gruppe von Gleichaltrigen und z. T. auch Gleichgestellten; manchmal wird er synonym zum Begriff der Clique verwendet. Besonders für Jugendliche ist die Peergroup eine wichtige Sozialisationsinstanz. Hier werden Erfahrungen abseits der elterlichen Kontrolle gemacht – Peergroups oder Peers dienen damit auch der Emanzipation vom Elternhaus.

Auch in Bezug auf das Medienhandeln haben Peergroups eine wichtige Funktion: Sie sind Orte, an denen Jugendliche sich informell über mediale Erlebnisse und Probleme austauschen. Man könnte auch sagen: hier sind die Digital Natives unter sich. Nicht wenige Eltern und pädagogisch Tätige fühlen sich in dieser Medienwelt (noch) nicht zu Hause. Dementsprechend sind sie nicht immer in der Lage, kompetente Ratschläge zu geben, wenn – in der Familie, in der Schule oder in der Jugendarbeit – Fragen zu den Neuen Medien auftauchen. 

In den letzten Jahren hat sich immer mehr die Ansicht durchgesetzt, Jugendlichen, die durch ihr Aufwachsen mit den Neuen Medien quasi einen Wissensvorsprung vor den Erwachsenen haben, einen Expert/innen-Status zuzugestehen, wenn es um Fragen zu Internet, Computerspielen, Handy und Co geht. Aus dieser Perspektive heraus betrachtet, ist die Einbeziehung von Peers in formellen (Schule) und informellen (freie Jugendarbeit) Lernkontexten eine große Chance zur Förderung von Medienkompetenz.

Es existieren verschiedene Formen von Peer-to-Peer-Ansätzen, bei denen Jugendliche ihr Wissen und ihre Fähigkeiten an andere Jugendliche weitergeben. Der allgemeine Begriff Peer Education bezeichnet die Wissensweitergabe an Jugendliche durch Jugendliche im Sinne eines informellen Informations- und Erfahrungsaustauschs unter Gleichaltrigen. Erwachsene, die an solchen Prozessen mitwirken, sollen stützen und begleiten, jedoch nicht bevormunden. An immer mehr Schulen und Einrichtungen der Jugendarbeit gestalten Jugendliche kleine Unterrichts- oder Lerneinheiten (Peer Tutoring), treten beratend als erste Ansprechpartner bei Problemen wie Cybermobbing auf (Peer Counseling) oder bieten als Streitschlichter/innen sogar Hilfe bei der Lösung und Bearbeitung von Konflikten (Peer Mediation).

Chancen und Grenzen von Peer-to-Peer-Projekten

Die Einbeziehung von Peer-to-Peer-Projekten – besonders im Bereich der Medienbildung – bringt viele positive Aspekte mit sich. Jugendliche, die gleichaltrigen oder geringfügig jüngeren Jugendlichen etwas beibringen, tun dies „auf Augenhöhe“. Sie kennen die jugend- und medienspezifischen Umgangsformen, haben ähnliche Erfahrungen mit den Medien gemacht und können damit authentisch agieren und leichter ein Vertrauensverhältnis aufbauen. All dies sind Gründe dafür, warum sich rat- oder hilfesuchende Jugendliche eher an Gleichaltrige wenden, um in einem zwangloseren Rahmen über Erlebnisse oder Probleme zu sprechen.

Auch für Schulen und Einrichtungen der Jugendarbeit selbst ist die aktive Mitarbeit von Jugendlichen in Peer-to-Peer-Projekten lohnenswert. Sie eröffnen damit den Heranwachsenden die Möglichkeit zur Teilhabe und Mitgestaltung. Die bisherigen Erfahrungen aus groß angelegten Projekten (z. B. den Medienscouts NRW) zeigt zudem, dass auch bei den für die Peer-Education ausgebildeten Jugendlichen positive Auswirkungen festzustellen sind; zum Beispiel in Bezug auf ihre persönliche Entwicklung und das Ansehen, das sie bei Mitschüler/innen genießen.

Darüber darf jedoch nicht vergessen werden, dass es sich bei den Jugendlichen, die sich als Tutor/innen in einem Peer-Projekt einbringen, um (pädagogische) Laien handelt und Peer Education kein Selbstläufer ist, sondern von der Einrichtung gut vorbereitet und ständig begleitet werden muss. Dr. Meike Isenberg, die Leiterin des Projekts Medienscouts NRW der Landesanstalt für Medien NRW, verweist in einem Interview mit werkstatt.bpb.de auf weitere Erfolgsfaktoren: „Wichtig ist es, dass die Scouts Teil der Peergruppe bleiben und nicht als “Hilfslehrkräfte" wahrgenommen werden. Medienscouts zu etablieren, bedeutet natürlich nicht, dass sich die Schule nicht mehr um das Thema Medienkompetenz kümmern muss [...]. Hinzu kommt, dass die Scouts in ihrer Beratungstätigkeit mitunter mit Fragen und Themen konfrontiert werden können, die sie möglicherweise überfordern. Man denke nur an Cybermobbing oder Fälle von sexuellen Übergriffen – hier sind mitunter strafrechtlich relevante Implikationen berührt und Konsequenzen erforderlich, die ganz klar an Erwachsene übergeben werden müssen.“

Peer Education in der Schule

Logo der Medienscouts NRW

Seit 2012 führt die Landesanstalt für Medien NRW (LfM) landesweit das Projekt Medienscouts NRW durch. Schüler/innen der Sekundarstufe I werden im Schulkontext kostenlos zu sogenannten „Medienscouts“ ausgebildet. Durch die Qualifizierung einer vergleichsweise kleinen Schülergruppe konnten weitreichende Effekte erzielt werden, da die ausgebildeten Medienscouts anschließend selbst als Referent/innen agieren und ihre Mitschüler/innen qualifizieren oder ihnen als Ansprechpartner/innen bei medienbezogenen Fragen und Problemen dienen.

Heranwachsende sollen jüngeren Schüler/innen beraten und bei ihrer Mediennutzung zur Seite stehen. Sie sollen die Fragen beantworten, die sich für junge Nutzer/innen rund um die Themen Social Web, Internet & Co. ergeben und damit die Medienkompetenz-Förderung an der jeweiligen Schule stärken. Im Rahmen des Projekts werden nicht nur Schüler/innen einer Schule ausgebildet, sondern von Anfang an auch zwei Lehrer/innen der Schule mit eingebunden.

Vergleichbare Ansätze existieren mittlerweile in fast allen Bundesländern. Unter dem Titel „Medienscouts.rlp“ verfolgt z. B. das Land Rheinland-Pfalz ein Konzept zur Ausbildung von Schüler/innen zu Tutor/innen im Themenkomplex Jugendmedienschutz an weiterführenden Schulen. Unter dem Motto "Wissen weitergeben" bildet das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (LMZ) schon seit einigen Jahren Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren zu Schüler-Medienmentoren aus.

Neben diesen landesweit agierenden Projekten gibt es auch eine Reihe von regionalen Initiativen, die durch Peer-Education-Projekte die Medienbildung in Schulen oder Einrichtungen der Jugendarbeit unterstützen. Ein Beispiel dafür sind die seit 2008 agierenden „CyberCops“ im Kreis Minden-Lübbecke, die Jugendliche zu Medienberater/innen ausbilden. Lokale Netzwerkpartner sind neben dem Kommissariat Kriminalitätsvorbeugung/Opferschutz die Medienwerkstatt Minden-Lübbecke, die Fachstelle Suchtvorbeugung, die Verbraucherzentrale NRW, der Deutsche Kinderschutzbund Minden-Bad Oeynhausen und andere.

Peer Education in der Jugendarbeit

Logo von Juuuport

juuuport“ ist eine Website von Jugendlichen für Jugendliche. Auf der Plattform können sich Jugendliche über Erlebnisse oder Probleme im Web, mit dem Handy oder beim Computerspielen austauschen. Wer sich auf juuuport angemeldet hat, kann sich im fooorum öffentlich sichtbar Rat holen – oder in einer persönlichen Beratung durch jugendliche Scouts. Die 16 bis 21 Jahre alten Scouts wurden extra für diesen Zweck geschult. Die Initiative für juuuport ging von der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM) aus. juuuport wird von verschiedenen Landesmedienanstalten – darunter auch der LfM – finanziert.

Im Rahmen des Projekts „Peer³“ des "JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis" werden bundesweit Modellprojekte aus einem Mittelpool unterstützt und eine Auswahl von insgesamt ca. 20 innovativen Kleinprojekten gefördert, in denen neue Konzepte für Jugendarbeit im Netz entwickelt werden. Ziel ist es dabei, Jugendlichen in konkreten Projekten Beteiligungsoptionen über und mit Medien aufzuzeigen. Qualifizierungsmaßnahmen, die sowohl online wie auch als Präsenz-Veranstaltungen an verschiedenen Orten im Bundesgebiet angeboten und durchgeführt werden, fokussieren sich darauf, medienbezogene partizipative Handlungsmöglichkeiten von Heranwachsenden zu erweitern, ein Netzwerk aktiver Fachkräfte zu knüpfen und deren Fragen nach der eigenen Rolle und Aktionsmöglichkeiten in Medienprojekten Raum zu geben. Die Modellprojekte sowie die Qualifizierungsmaßnahmen werden jeweils wissenschaftlich begleitet.