"Medienkompetenz meint grundlegend nichts anderes als die Fähigkeit, in die Welt aktiv aneignender Weise auch alle Arten von Medien für das Kommunikations- und Handlungsrepertoire von Menschen einzusetzen."
Professor Dr. Dieter Baacke (1934 - 1999)
Der Begriff „Medienkompetenz“ wurde in den 1970er Jahren durch den Erziehungswissenschaftler und Medienpädagogen Dieter Baacke eingeführt. Mit dem Begriff "Medienkompetenz" verknüpfte Baacke das grundlegende Menschenbild eines selbstbestimmten und gesellschaftlich handelnden Subjekts. Das war zur damaligen Zeit etwas Besonderes, denn die Medienpädagogik war in ihren Anfängen vor allem eine Bewahrpädagogik. Medien sollten besonders zum Schutz der Heranwachsenden kontrolliert werden.
Kompetente Menschen
In seinem Konzept einer handlungsorientierten Medienpädagogik stellt Baacke den Menschen in den Mittelpunkt. Er sieht menschliches Verhalten nicht als reine Reaktion auf seine Umwelt und gesellschaftliche Zustände. Der Mensch ist vielmehr jemand, der selbst handeln und seine Umwelt gestalten kann. Es geht also weniger um die Frage, was die Medien mit den Menschen machen, sondern vielmehr darum, wie die Menschen die Medien kompetent nutzen können. Dabei sieht Baacke Medienkompetenz als einen Bestandteil einer grundsätzlichen kommunikativen Kompetenz.
Das Konzept der Kompetenz hat seinen Ursprung übrigens in der Sprachwissenschaft. Mit Kompetenz ist hier die Fähigkeit gemeint, eine Sprache zu sprechen und zu verstehen. Dabei lernen Kinder Sprache nicht durch Imitation. Denn dann müssten sie jeden Satz, den sie sprechen, vorher genau so gehört haben. Im Laufe der Entwicklung entwickeln Sprecher eine Regelstruktur. Sie lernen, neue Aussagen zu produzieren und über die Sprachrichtigkeit von Sätzen zu entscheiden.
Ähnlich wie beim Erlernen einer Sprache geht es bei der Vermittlung von Medienkompetenz nicht darum, einfach eine Reihe von technischen Fertigkeiten zu lernen, um z.B. einen Computer oder ein Handy verwenden zu können. Es geht vielmehr auch darum, das Lernen zu lernen, um sich neue Fähigkeiten und neues Wissen im Bereich Medien selbst zu erschließen. Zu den weiteren Zielen gehört es, die eigene Mediennutzung zu reflektieren und die Entwicklungen im Bereich Medien kritisch zu verfolgen.
Dimensionen von Medienkompetenz
Um Medienkompetenz in Reichweite und Umfang zu erfassen, schlägt Baacke eine Differenzierung in vier Dimensionen vor:
- Medienkritik
Das vorhandene Wissen über Medien sollte stets reflektiert und erweitert werden. Um die Medienlandschaft zu analysieren, brauche ich z.B. das Hintergrundwissen, dass private Programme weitgehend werbefinanziert sind und dies Auswirkungen auf die Programminhalte haben kann. Nur mit dem nötigen Wissen können problematische Medienentwicklungen kritisch und differenziert betrachtet werden.
Jeder Mensch sollte sein Wissen aber auch auf sich selbst beziehen können und sein eigenes (Medien-) Handeln kritisch reflektieren.
Die Analyse der Medienentwicklungen und der reflexive Rückbezug auf das eigene Handeln können schließlich auch daraufhin abgestimmt werden, ob sie sozial verantwortlich sind. So erhält die Medienkritik auch eine ethische Dimension.
- Medienkunde
Hier ist das Wissen über heutige Medien und Mediensysteme gemeint. Auf einer informativen Ebene sind dies klassische Wissensbestände wie z.B. Kenntnisse über die Struktur des Rundfunksytems, die journalistische Arbeitsweise oder auch die Möglichkeiten, einen Computer für persönliche Zwecke zu nutzen.
Ergänzend dazu gibt es auch instrumentell-qualifikatorische Fähigkeiten, die nötig sind, um neue Geräte bedienen zu können. - Mediennutzung
Hier ist erstmal der rezeptiv-anwendende Bereich der Mediennutzung gemeint, also die Nutzungs- bzw. Rezeptionskompetenz jedes einzelnen Menschen im Umgang mit Medien. In diesem Sinne wird Fernsehen z.B. als aktive Tätigkeit gesehen, die kompetent gestaltet werden soll.
Die zweite Unterdimension der Mediennutzung ist der Bereich auffordernden Anbietens und interaktiven Handelns. Es gibt heute eine Vielzahl von Handlungsmöglichkeiten (Teleshopping, Online-Banking, Produktion von Podcasts und Handyfilmen u.s.w.), um in der Medienwelt interaktiv tätig zu sein. - Mediengestaltung
Medien verändern sich ständig und es steht jedem frei, neue Inhalte gestaltend einzubringen. Jeder Mensch kann das Mediensystems innovativ weiter entwickeln.
Wer kompetent mit Medien umgeht, kann Medien auch auf einer kreativen Ebene mitgestalten und "Neues" gestalten. Er/Sie bringt sich ein mit ästhetischen Varianten und überschreitet damit die Grenzen bestehender Kommunikationsroutinen.
Die Grundideen von Dieter Baacke sind auch in der heutigen medienpädagogischen Debatte von zentraler Bedeutung. Vor allem der Begriff der Medienkompetenz hat seit den 1990er-Jahren eine unglaubliche Popularität erhalten. Aufbauend auf Baacke gibt es weitere Versuche, den Begriff der Medienkompetenz greifbar zu machen und zu differenzieren. Professorin Helga Theunert nimmt z.B. eine Dreiteilung vor in Sachkompetenz (das Wissen über die Medien), Rezeptionskompetenz (die Fähigkeit, Medien kritisch zu nutzen) und Partizipationskompetenz (die Fähigkeit, Medien selbstbestimmt zu produzieren).
Medienerziehung, Medienbildung, Informationskompetenz
Wenn es um die Vermittlung von Medienkompetenz geht, fallen häufig die Begriffe Medienerziehung, Medienbildung und Informationskompetenz.
Mit Medienerziehung ist ein Bereich der medienpädagogischen Praxis gemeint. Durch konkrete Angebote und Projekte soll hier die Medienkompetenz auf verschiedenen Ebenen gefördert werden. Es geht also um die Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten, um Medien selbstbestimmt und kritisch zu nutzen.
Mit dem Begriff Medienbildung wird die Perspektive erweitert. Es geht nicht mehr nur um die Vermittlung von Medienkompetenz, sondern Medien werden als ein Mittel für eine umfassende Bildung und Mündigkeit des Einzelnen gesehen. Medienbildung richtet den Blick zudem auf die grundsätzliche Rolle der Medien in den Bereichen Kultur und Bildung.
In unserer komplexen Informationsgesellschaft wird es immer wichtiger, kompetent und verantwortungsvoll mit Informationen jeglicher Art umzugehen, um sich zu orientieren oder Probleme zu lösen. Der Begriff Informationskompetenz umfasst eine Reihe von Fähigkeiten, um gezielt nach Informationen zu suchen und diese Informationen hinsichtlich ihrer Richtigkeit und ihrer Bedeutung zu bewerten.





