"Internet ist gleich mit Essen"

Explorative Studie: Digitale Medien und unbegleitete Flüchtlingskinder

Welchen Zugang haben unbegleitete Flüchtlingskinder zum Internet, welche Funktionen und Apps werden genutzt? Und wo besteht Handlungsbedarf? Erste Ergebnisse liefert eine explorative Studie der Universität Vechta und des Deutschen Kinderhilfswerkes. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie unbegleitete minderjährige Flüchtlinge vor, während und nach der Flucht digitale Medien nutzen. "Internet ist gleich mit Essen" – mit dieser Aussage bringt einer der Interviewteilnehmer die Bedeutung der Webnutzung zum Ausdruck.

Navigation, Kommunikation und Datenschutz

Einige der Jugendlichen haben vor ihrer Flucht kein Internet benutzt, da es in ihrer Herkunftsregion nicht zugänglich war. Während der Flucht dienten Mobiltelefone und soziale Netzwerke vor allem dazu, die Fluchtwege zu organisieren, Kontakt mit der Familie aufzunehmen oder Notrufe abzusetzen. In Deutschland angekommen, steht die Kommunikation mit der Familie, das Erlernen der Sprache, der Austausch mit Gleichaltrigen und die Nachrichteninformation im Vordergrund.

Nur in wenigen Fällen ist in den Aufnahmeeinrichtungen eine durchgängige Nutzung des Internets möglich. Dies führt dazu, dass die Kontaktmöglichkeiten zu den Familien für die Jugendlichen eingeschränkt oder äußerst kostenintensiv sind. Die von den jungen Flüchtlingen berichteten Nutzungsweisen verweisen darauf, dass die Verwendung von Diensten wie Facebook, Viber, Skype oder WhatsApp in datenschutzmäßig prekäre Angebote führt. Es zeigen sich dabei teilweise äußerst geringe Kenntnisse datenschutzrelevanter Aspekte in der Mediennutzung, so dass die Frage relevant wird, wie Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen sich zu diesen medienerzieherischen Fragen verhalten.

  • Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes: "Kinder und Jugendliche dürfen bei der Kommunikation im Web 2.0 nicht alleine gelassen werden und ihre informationelle Integrität muss besser geschützt werden. Das gilt für Kinder und Jugendliche in Deutschland insgesamt und aufgrund ihrer besonderen Lebenssituation ganz besonders für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge".

Das Smartphone als Schlüsselmedium im Alltag

Service- und Lern-App für Asylsuchende.

Als besonders wichtig thematisieren die Jugendlichen das Erlernen der deutschen Sprache. In den Sprachkursen und teilweise auch im regulären Schulunterricht wird das Smartphone mit verschiedenen Übersetzungs-Apps als eine wichtige Stütze genutzt. Das Schreiben von E-Mails wird interessanterweise kaum praktiziert. So gibt einer der Jugendlichen an, in seinem Leben nur eine einzige E-Mail geschrieben zu haben. Dies ist bemerkenswert, da die E-Mail-Adresse für viele Dienste weiterhin als Voraussetzung vorhanden sein muss.

Es wurde zudem gefragt, ob im Netz rund um das Asylverfahren und für das Ankommen hilfreiche Informationen gefunden wurden, die das Einleben erleichtern. Alle Befragten bekundeten Interesse an solchen Angeboten, berichteten aber fast ausschließlich von der Nutzung nichtfachlicher bzw. kommerzieller Dienste. Nach ihren Aussagen sei flüchtlingsspezifisches Infomaterial für sie aus mehreren Gründen über das Internet nicht zugänglich.

  • Prof. Dr. Nadia Kutscher, Universität Vechta: "Digitale Medien haben sowohl eine verbindende Funktion, im Kontakthalten mit der Herkunftsfamilie, Verwandten an anderen Orten und Peers, als auch eine Brückenfunktion in die Aufnahmegesellschaft. Deshalb brauchen gerade unbegleitete Flüchtlingskinder einen besseren Zugang zu digitalen Medien als bisher".

Die Studie in der kompletten Fassung [PDF / 1,2 MB] und als Zusammenfassung [PDF / 400 kb].

Unbegleitete Flüchtlingskinder haben wie jeder Bürger bei uns ein Recht auf Datenschutz. In den Aufnahmeeinrichtungen sollte dieser Aspekt beachtet werden, eine Erweiterung der Kenntnisse bei den Jugendlichen ist in diesem Bereich besonders notwendig. Die Wege zu flüchtlingsspezifischen Informationen und Materialien im Netz sollten zugänglicher gemacht werden.