BYOD: Smartphone in der Schule

Nicht eingeschaltet und nicht sichtbar – diese Regel gilt in vielen Schulen in Nordrhein-Westfalen für Smartphones. Doch es geht auch anders, denn mobile Medien können den Unterricht bereichern und eröffnen neue Unterrichtskonzepte. Da 95% der 12-19-Jährigen ein eigenes Smartphone besitzen, ist die Verwendung dieses Geräts im Schulkontext eigentlich naheliegend. Das Konzept "Bring Your Own Device" (BYOD) setzt hier an und bedeutet, eigene mobile Geräte zu nutzen und in (Bildungs-)Institutionen zu integrieren. Dennoch gibt es auch Gegenargumente und nicht zuletzt gesetzliche Richtlinien, die bei der Verwendung mobiler Geräte von Schülerinnen und Schülern in der Schule beachtet werden müssen.

Smartphones im Unterricht

Jede/r starrt auf das eigene Smartphone, Lehrende kennen sich mit den vielen unterschiedlichen Geräten nicht aus und können auch nicht kontrollieren, ob gerade wirklich die gestellten Aufgaben bearbeitet werden oder ob doch nur gechattet oder gespielt wird. Solche Befürchtungen äußern einige Lehrende und verbieten deshalb die Nutzung von mobilen Medien im Unterricht generell. Doch das muss nicht sein. 

Zur Nutzung von Smartphones in der Schule können je nach Bedarf individuelle Regeln ausgearbeitet werden. Denkbar sind Ausnahmeregelungen für bestimmte Aufgaben oder Fächer sowie Regelungen, welche Apps oder Webseiten während der Unterrichtszeit oder auf dem Schulgelände genutzt werden dürfen. Klare Regeln im Umgang mit Smartphones an der Schule sind wichtig und müssen unter Einbezug aller beteiligten Interessengruppen (Lehrende, Schüler/innen, Eltern, Schulträger) erstellt werden. Hilfestellung kann der Unterrichtsleitfaden zur Erstellung einer Handyordnung von Handysektor sein. 


Chancen nutzen

Sind grundlegende Rahmenbedingungen geklärt, bergen Smartphones in der Schule viel kreatives Potential. Unterricht, in dem eigene Mobilgeräte eingesetzt werden dürfen, beginnt in der Regel mit einer konkreten Aufgabenstellung durch den Lehrenden. Die Schüler/innen sind dann selbst an Reihe und können sich selbständig oder in Gruppen individuelle Herangehensweisen und Lösungen überlegen. Dabei ist kreatives und zielorientiertes Denken und Handeln gefordert. Der Unterricht wird so deutlich schülerorientierter. Besonders die Arbeit in Gruppen kann spannend sein: Schüler/innen müssen sich dann zunächst gemeinsam überlegen, wie sie vorgehen möchten und welche Apps, Dienste oder Webseiten sie nutzen möchten. Jede/r Schüler/in kann so die eigene Expertise einfließen lassen, ob in sozialen Netzwerken, Arbeit mit Audioquellen oder beim Erstellen und Schneiden von Videoclips (z. B. Erklärvideos) auf dem Smartphone. Schüler/innen können so in Expertenrollen schlüpfen und sich gegenseitig je nach individueller Stärke unterstützen. Dazu muss auch nicht jedes Gruppenmitglied ein eigenes Gerät besitzen.

Doch nicht nur aufgaben- oder projektorientiert können Smartphones gewinnbringend eingesetzt werden. Sie können in einem Unterrichtsfach auch erlaubt werden, ohne dass ihre Verwendung explizit gefordert ist. Sinnvoll ist es dann aber, bestimmte Nutzungsmöglichkeiten vorher im Klassenverband zu diskutieren. Schüler/innen können beispielsweise gemeinsam ein Wiki erstellen oder mit einem zuvor festgelegtem Twitter-Hashtag selbstständig die wichtigsten Erkenntnisse aus den Unterrichtsstunden festhalten und gemeinsam sammeln. Dabei lernen sie nicht nur, wichtige Informationen von weniger wichtigen zu unterscheiden, sondern profitieren später z. B. bei der Vorbereitung auf eine Klassenarbeit vom gemeinsam gesammelten Wissen. Auch für selbständiges Lernen eigenen sich mitgebrachten Geräte, z. B. mit E-Learning-Einheiten.

Herausforderungen bewältigen

Auch wenn Geräte nicht mehr von der Schule angeschafft werden müssen, gibt es einige technische Aspekte, mit denen man sich vor der Verwendung von Smartphones in der Schule auseinandersetzen muss.

Zunächst geht es um den Aufbau einer geeigneten Infrastruktur, dazu muss die Bandbreite der Internetverbindung überprüft werden und ggf. WiFi-Access-Points installiert werden, um eine Versorgung mit WLAN zu ermöglichen. Zudem muss die technische Infrastruktur betreut und gegebenenfalls regelmäßig gewartet werden. Die Schaffung eines Pools an Ausleih-Geräten ist ratsam. So stehen auf jeden Fall in allen Klassen ausreichend Smartphones zur Verfügung und soziale Härten können ausgeglichen werden. Die Orientierungshilfe "Lernförderliche IT-Ausstattung für Schulen" der Medienberatung NRW bietet hierzu viele Anregungen und Tipps für Schulträger und Schulen in NRW.

Zu beachten sind zudem immer auch die gesetzlichen Vorgaben, die in Bundesländern variieren. Einen Überblick über die Gesetzeslage zum Thema Smartphone in der Schule gibt es bei Handysektor oder bei diesem Überblick über Handys im Schulrecht. Die Einholung einer Einwilligung der Eltern für den App-Einsatz ist in jedem Fall zu empfehlen. Welche Apps im Unterricht genutzt werden dürfen, muss im Einzelfall (insbesondere wenn die App Daten auf fremden Servern speichert oder die Erstellung eines Accounts notwendig ist) vor der Nutzung durch die Lehrkraft geprüft werden – ebenso ob entsprechende Dienstanweisungen des Dienstherrn vorliegen.

Die größte Sorge vieler Lehrender ist die große Heterogenität der Geräte, mit denen sie sich nicht auskennen und dementsprechend nicht alle Fragen beantworten können. In der Praxis zeigt sich allerdings häufig, dass man als Lehrer/in nicht alles selbst wissen muss, sondern auch viel von Schüler/innen lernen kann. Oftmals befinden sich in der Klassengemeinschaft Expert/innen in unterschiedlichsten Gebieten, ob es um Betriebssysteme, Apps oder andere technische Fragen geht. So lösen sich Probleme ganz einfach durch Ideen und Fachwissen von Mitschüler/innen.

Einsatzmöglichkeiten von Smartphones in der Schule

Das Smartphones im Unterricht sehr gut eingesetzt werden können zeigen auch die Gewinner des Lehrerpreises 2016. Das Team des Friedrich-Gymnasiums in Freiburg wurde für das fünfschrittige Medienkonzept an der Schule ausgezeichnet. Im nachfolgenden Video wird gezeigt, wie Smartphones in unterschiedlichen Unterrichtsfächern gewinnbringend für Lehrer/innen und Schüler/innen eingesetzt werden können.


Weitere konkrete Anregungen zum Einsatz von Smartphones

Foto: Physik

In naturwissenschaftlichen Fächern gibt es viele spannende Möglichkeiten, sich das Smartphone zu Nutze zu machen. Mit Hilfe der Sensoren am Smartphone können beispielsweise unterschiedlichste Messungen durchgeführt werden. Eine Liste mit geeigneten Apps im Physikunterricht gibt es von der Uni Heidelberg oder im Buch „Smartphones raus, Physik!“. Bei Handysektor finden sich Apps für Mathe, Physik und Chemie mit Beschreibung, App-Test, Einsatzbeispielen und rechtlichen Hinweisen. Ein konkretes Praxisbeispiel stellt Dejan Mihajlovic zur Verfügung

In vielen geisteswissenschaftlichen Fächern kann das Smartphone ganz ohne zusätzlich zu installierende Apps genutzt werden. So können Schüler/innen beispielsweise in der eigenen Stadt auf Entdeckungsreise gehen und mit der Smartphonekamera Bauwerke oder Inschriften aus bestimmten Epochen festhalten. Auch Interviews mit Zeitzeugen oder Expert/innen können für den Deutsch-, Geschichts-, oder Gemeinschaftskundeunterricht ohne großen Aufwand mit dem eigenen Smartphone geführt werden. Daniel Bernsen stellt in einer Mindmap einige Einsatzmöglichkeiten vor. Bei Handysektor gibt es weitere App-Tipps für geisteswissenschaftliche Fächer

Bild: Schüler mit Smartphone
Foto: Selfie

Sich durch Fotografie und Film auszudrücken gehört für viele Schüler/innen heute zum Alltag. Selfies, Foodpics und Bildbearbeitungs-Apps gehören zur Lebenswelt vieler Jugendlicher und es lohnt sich, diese Thematik auch im Unterricht aufzugreifen. Foto- oder Videoprojekte im Kunstunterricht sind mit eigenen Smartphones keine logistische oder technische Mammutaufgabe, sondern lassen sich problemlos umsetzen. Theoretische Inhalte beispielsweise zur Bildkomposition lassen sich so auch direkt praktisch überprüfen. Auch im Musikunterricht bergen Smartphones viel kreatives Potential. Mit unterschiedlichen Apps lässt sich Musik komponieren, aufnehmen, bearbeiten und auch analysieren. Wie das aussehen kann, kann man in diesem Beitrag von Deutschlandradio Kultur nachlesen. Auch bei Handysektor gibt es App-Tipps für den künstlerisch-gestalterischen Einsatz.