Problematiken von Castingshows und Scripted Reality

Mädchen sitzt einsam auf Bank

Für Kinder und Jugendliche ist es schwierig, den Überblick über das Gesehene zu behalten, denn TV-Konzepte wie Castingshows und Scripted Reality lassen Realität und Medienrealität nahtlos ineinander übergehen. Diese Vermischung kann Heranwachsende nachhaltig verunsichern, da sowohl der Blick auf sich selbst als auch der Blick auf die Welt unbewusst manipuliert wird. Im folgenden Abschnitt werden einzelne Probleme genauer betrachtet, die beide TV-Konzepte zu Folge haben können.

Selbstpositionierung

Kinder und Jugendliche vergleichen sich mit den Protagonisten von Sendungen, die Scripted Reality entsprechen. Die Handlungsstränge sind meist so gewählt, dass einerseits eine Identifikation und andererseits eine Abgrenzung zu den Protagonisten stattfindet. So erkennen Heranwachsende Ähnlichkeiten zu ihrem eigenen Leben und entwickeln gleichzeitig ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber den Rollen, die scheitern. Da die Themen oft ungewöhnlich und schrill umgesetzt werden, erscheinen die eigenen Probleme der Kinder und Jugendliche eher klein und belanglos.

Bei Casting-Sendungen entsteht ein ähnlicher Vergleich mit den Kandidat/innen. Vor allem bei Model-Castingshows wird die Selbstwahrnehmung junger Zuschauerinnen sensibilisiert, da die Relevanz optischer Merkmale suggeriert wird. Der ständige Vergleich kann zu Unzufriedenheit und Verzweiflung der Heranwachsenden führen, da sie nicht den vermittelten Idealen gerecht werden – was sich beispielsweise in Form von Essstörungen äußern kann.

Selbsterwartung

Das TV-Format Scripted Reality vermittelt Heranwachsenden durch eine vereinfachte Darstellung komplexer sozialer Themen, wie einfach es ist, Lösungen zu finden. Die Handlungen erfolgen nach dem „Gut-und-Böse“-Prinzip: Schon zu Beginn einer jeden Sendung ist klar, welcher Protagonist auf welcher Seite steht. Kinder und Jugendliche erfahren das unkomplizierte Problemlösen als Normalität und entwickeln die Anforderung an sich selbst, Probleme ebenso spielend aus der Welt zu schaffen. Jedoch sind die Problemstellungen im echten Leben weitaus komplexer und ein langer Weg zur Beseitigung eines Konflikts wird in den Augen von Kindern und Jugendlichen als Scheitern betrachtet.

Castingshows vermitteln, dass jeder die Chance hat, ein Star zu werden. Auf dem Weg bis zum Finale lernen die Kandidatinnen und Kandidaten, wie man sich selbst perfekt inszeniert, wie man sich vorteilhaft kleidet und auf Bildern und vor der Kamera posiert. Castingshows werden von Heranwachsenden oft als Vorbereitung auf das richtige Leben betrachtet und erzeugen den Wunsch, selbst alles aus sich herauszuholen.

Sicht auf die Welt

Um möglichst authentisch zu wirken, bedienen sich beide Konzepte häufig an Stereotypen, Vorurteilen und Klischees. Dies kann unterbewusst die Sicht der Heranwachsenden auf Themen, Berufsgruppen, Kulturen oder Länder nachhaltig beeinflussen und eine falsche Wertevermittlung zu Folge haben.

Verstärkt wird dies bei Scripted-Reality-Sendungen durch die realitätsnahe und dokumentarische Umsetzung durch Kameraführung, Darsteller/innen und Schnitt. Der Hinweis, dass es sich dabei nur um eine Inszenierung nach Drehbuch handelt, erfolgt nur als kleiner, selten wahrgenommener Hinweis im Abspann. Das erschwert die Abgrenzung von Realität und Medienrealität für Heranwachsende erheblich.

Problematisch ist es vor allem dann, wenn alltägliche Themen Heranwachsender mit negativen Bildern verknüpft werden. So stehen in der Sendung „Die Schulermittler“ Mobbing und Streit im Fokus. Kinder und Jugendliche erleben solche Handlungen besonders intensiv, wodurch Unsicherheit und Ängste geweckt werden können.

Während Scripted Reality Konflikte und somit das Imperfekte thematisieren, betonen Castingshows das Perfekte. Klischees werden verdichtet und Heranwachsende dazu aufgefordert, diesen Idealen nachzueifern. Bei Model-Castingshows geschieht dies offensiv: Schön ist, wer über bestimmte körperliche Merkmale verfügt, sich entsprechend kleidet und stylt. Kinder und Jugendliche neigen dazu, Wertevorstellungen wie diese zu übernehmen und sie ins reale Leben zu übertragen.